Die Hildegard-Medizin: Was steckt dahinter?

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Hildegard von Bingen

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Jeder hat schon von ihr gehört. Viele kennen ihre Heilmittel. Kaum einer weiß, wer sie wirklich war. Hildegard von Bingen ist die Begründerin einer ganz besonderen Medizin. Zumindest meinen das viele.

Heilkräuter-Elixiere, Dachsfellgürtel, Edelsteine, Aderlass, Schröpfen und Fasten – das alles ist Hildegard von Bingen heute. Während das Geschäft mit ihren Produkten boomt, fragt man sich doch: Wer war diese Hildegard überhaupt? Und kann man ihren Heilmitteln trauen?

Die Nonne Hildegard von Bingen 

Man kann Hildegard von Bingen als Medizinerin, Künstlerin, Mystikerin, Universalgelehrte oder gar Feministin bezeichnen. In erster Linie war die herausragende Frau aber etwas anderes, nämlich Benediktinernonne. Fast ihr gesamtes Leben verbrachte sie im Kloster und bis zu ihrem Lebensende war ihr Denken und Handeln von einer tiefen Verbindung zu Gott gezeichnet.

Doch beginnen wir am Anfang. 1098 erblickte die junge Hildegard das Licht der Welt. Europa steckte im tiefsten Mittelalter. Zu dieser Zeit gab es hier noch keine Universitäten und die Klöster waren das Zentrum von Kultur und Bildung.

Mit jungen zehn Jahren kam das Mädchen adliger Familie ins Kloster. Hier betete und lernte sie an der Seite anderer Nonnen. Hildegard muss sehr gelehrig gewesen sein. In ihren Schriften kommt ein erstaunlich komplexes Wissen zum Ausdruck.

Im Laufe ihres Lebens schrieb Hildegard drei große Bücher. Zwei davon sind theologischen Inhalts und eines medizinischen. Die Philosophie, die sie dabei vermittelte, hatte große Wirkung auf ihre Zeit. Die Nonne erntete viel Anerkennung, aber auch Kritik. Nicht alle waren einverstanden mit ihrer Ansicht, dass Genuss doch keine Sünde sein kann. Außerdem waren Gerüchte über Tanzrituale in ihrer Frauenenklave verbreitet.

2012, lange nach ihrem Tod, wurde Hildegard vom Papst mit dem Titel „Kirchenlehrerin“ geehrt. Damit erkennt die Kirche an, dass das 81 Jahre lange Wirken der nun Heiligen Hildegard, die Entwicklung des Christentums maßgeblich beeinflusste.

Visionen deuten Hildegard von Bingen den Weg

Schon früh beschrieb Hildegard Visionen. Sie war überzeugt, dass das Licht Gottes durch sie sprach. Sich selbst nannte sie einmal die Posaune Gottes. In ihren Visionen erreichten sie konkrete Aufforderungen Gottes und Interpretationen religiöser Texte. Es kam aber auch vor, dass sich ihr die geheimen Kräfte von Heilpflanzen zeigten.

Böse Zungen sagen Hildegard nach, ihre Visionen erfunden zu haben. Sie habe sich auf diese Art und Weise Verhör in der von Männern dominierten Klosterwelt geschafft. Andere meinen die Visionen wären durch Drogenkonsum von Alraune oder Cannabis hervorgerufen worden.

Ihr erstes visionäres Buch, in dem sie über Sinn und Auslegung des Evangeliums, der Psalmen und des Neuen und des Alten Testaments schrieb, machte sie im ganzen Land bekannt. Die Prophetin begeisterte nicht nur das Volk, sondern auch politische Größen, wie den König. Immer mehr bildungssuchende Novizinnen und Ratsuchende zog es zu ihr, aus immer ferneren Gegenden.

Hildegard gab sich aber nicht nur ihren Visionen hin. Wie damals üblich für eine Nonne förderte sie ihre Kreativität. Sie komponierte, dichtete und malte. Nach ihrer Ernennung zur Magistra, also dem Abschluss ihres Grundstudiums, schenkte sie der Astrologie, der Pflanzenwelt und der Medizin ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie liebte die Natur und das Beobachten derselben. Sie beschäftigte sich mit Heilkräutern, experimentierte damit und schrieb schließlich ein medizinisches Meisterwerk ihrer Zeit, „Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“.

Hildegards medizinisches Werk

Hildegards „Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“ ist ihre einzige überlieferte, medizinische Schrift.

Im ersten Teil des Werks („Physica“) werden 225 Heilpflanzen, gemeinsam mit Anwendungsgebieten und Rezepturen, erwähnt. Weiters beschreibt Hildegard medizinische Qualitäten, wie Meer oder Gewürm. Diese bergen der Nonne nach eine Heilkraft.

Der zweite Teil des Werks („Causae et Curae“) beschäftigt sich mit dem Wesen von Krankheiten und deren Heilung. Hildegard beschreibt die Vorteile des guten Essens, den Lebensstil, den sie als gesund betrachtet, die Gemütsbewegungen und die Stoffwechselstörungen.

Im Gegensatz zu vieler Menschen Meinung handelt es sich bei der Physica um eine Sammlung des Zeitwissens und nicht um eine Zusammenfassung der eigenen Erkenntnis. Das heißt also, dass es sich bei vielen Rezepten nicht um visionäre Eingebung oder Erfahrung Hildegards handelt, sondern vielmehr um Wissen aus dem Mittelalter.

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Der Disibodenberg. Hier hat Hildegard von Bingen lange gelebt und gearbeitet.

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Was ist Hildegard-Medizin und wieso ist sie so bekannt?

Hildegard-Medizin ist ein Begriff der 1970 eingeführt wurde. Unter diesem Namen werden nun Produkte und Anwendungen verkauft, die sich an die Informationen in den Schriften Von Bingens anlehnen. Im Verkauf sind unter anderem Kräuterauszüge, sogenannte Elixiere, Salben, Kosmetik, aber auch Edelsteine und Dachsfellgürtel. Die Medizin erinnert teils an Zauberei, findet aber durch gewisse Rezepte auch die Brücke zur modernen Phytomedizin. Anwendungen nach Bingen sind das Schröpfen oder der Aderlass. Beides sind mittelalterliche Methoden, die Bingen zwar anwendete, aber nicht selbst erfand.

Die Medizin nach Hildegard findet überraschenderweise, trotz ihres Ansatzes im Mittelalter und vielen Warnungen, großen Anklang. Dies hat wohl verschiedene Gründe. Zum einen war Hildegard eine herausragende Person. All das mystische, das sie noch immer umgibt, übt große Faszination auf Menschen aus. Auch die religiöse Komponente scheint viele Menschen anzuziehen. Es geht aber nicht nur um den Zauber. Mit ihrer Sichtweise auf die körperliche und geistige Gesundheit, die beide fest miteinander verbunden sind und stark von der Interaktion mit dem Kosmos abhängen, trifft Hildegard den Puls unserer heutigen Zeit. Bereits im Mittelalter postulierte sie, dass Stress und schlechte Gedanken den Menschen krankmachen können. Einer gesunden Ernährung räumte sie einen hohen Stellenwert in der Prävention und Heilung von Krankheiten ein.

Hildegard war also einerseits Prophetin und andererseits Vorreiterin der ganzheitlichen Medizin. Sind ihre Produkte und Anwendungen aber heute noch aktuell?

Hildegard-Medizin: Eine kritische Betrachtung ist wichtig

Bei allen Methoden nach Hildegard von Bingen ist es wichtig sich durch vorangehende Recherche eine eigene Meinung zu bilden und nicht blindlinks auf eine sichere Anwendung zu vertrauen. Einige Methoden sind äußerst fragwürdig und können in bestimmten Fällen gesundheitsschädigend sein. Dazu gehört der Aderlass.

Neben der Sicherheit, gibt es in vielen Fällen von Hildegard-Anwendungen und -Produkten ein Problem mit der Authentizität. Ein Beispiel dafür ist das von der Nonne hoch geschätzte Dinkelmehl. Dinkel-Kochbücher nach Hildegard täuschen vor, eine mittelalterliche Rezeptsammlung zu sein. Dem ist aber nicht so. Hier wird lediglich ein berühmter Name missbraucht, um Verkaufszahlen zu steigern.

Auch Fastentherapien nach Hildegard können kritisch betrachtet werden. Hildegard erwähnte in ihren Schriften nur, dass gemäßigtes Fasten für die Gesundheit des Menschen wichtig wäre. Regeln setzte sie dafür jedoch nie fest.

Es gibt auch gutes von der Hildegard-Medizin zu berichten. Die Wirksamkeit vieler verwendeter Kräuter konnte man mittlerweile labortechnisch bestätigen. Es macht also durchwegs Sinn diese anzuwenden.

Eine Frage stellt sich zuletzt noch. Soll man nun wirklich nach Hildegards mittelalterlichen Rezepturen zubereiten oder doch lieber nach einer modernen? Tja, 900 Jahre haben wir jetzt volksmedizinisch und naturwissenschaftlich Rezepturen verbessert. Die Entscheidung, ob man lieber das Endprodukt oder den Prototyp verwendet, liegt nun bei jedem selbst – und so soll’s auch sein!

♥ Oktokussi ♥

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PPS: Titelbild von thraniwen, gefunden bei Pixabay. Bild im Text von Lisa von Beergen, gefunden auf Pixabay.

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