Bitterstoffe – Vielfalt, Wirkung und Anwendung

Bitterstoffe

Wermut, Enzian, Löwenzahn, Schafgarbe und Artischocke gehören zu den bekanntesten natürlichen Bittermitteln. Während ihre Wirkung lange Zeit in Vergessenheit geraten war, entdecken wir im Rahmen der heutigen Naturheilkunde-Revolution wieder ihr einzigartiges Potenzial. 

Bitterstoffe sollen beim Abnehmen helfen, den Appetit anregen, sie sollen hitzelabil sein und bei Bedarf können sie in Form eines Bittertees eingenommen werden. Das klingt verwirrend für euch? Dann seit ihr hier richtig, wir bringen heute Licht in den dunklen Dschungel des Bitterstoffwissens.

Einen Artikel zur pflanzlichen Vorbeugung von Gallensteinen (mit Bittermitteln) und über das Bittermittel Löwenzahn und seine Verwendung gibt es bereits am Blog. 

Das ist der erste Artikel unserer Reihe zu den pflanzlichen Wirkstoffgruppen. Bald folgen unter anderem Beiträge zu Flavonoiden, Saponinen und Schleimstoffen.

Die chemische Vielfalt der Bitterstoffe

Bitterstoffe sind chemisch gesehen ein bunt gemischter Haufen an Molekülen. Die meisten sind klein, aber es sind auch richtig große darunter. Wenn man in Pflanzenportraits auf die Inhaltsstoffangaben stößt, verliert man leicht den Überblick. Oft steht da nämlich nicht, dass Bitterstoffe enthalten sind, sondern man trifft auf folgende Namen: Sesquiterpenlactone, Diterpenlactone, Iridoide, Secoiridoide oder Hopfenbittersäuren. 

Bis auf die anders ausschauende Molekülstruktur gibt es bei den verschiedenen Bitterstoffgruppen nach aktuellem Wissensstand kaum Unterschiede. Fast alle sind wasser- und alkohollöslich, thermo- und chemolabil. Kommt es zu einer Abweichung der Eigenschaften, dann bezieht sich diese nicht auf die gesamte Gruppe, sondern nur auf einzelne Stoffe. Deshalb finden wir, dass auf genaueres Wissen zu Bitterstoff-Strukturgruppen gut verzichtet werden kann. Glück gehabt 😉 .

Wirkung von Bitterstoffen - die vagale und die gastrische Phase

Artischocke

Die vagale Phase ist der erste Schritt der Bitterstoffwirkung. Sie startet durch die Bindung ans Bitterzentrum in den Geschmacksknospen unserer Zunge. Dabei kommt es zur Aktivierung des Vagusnervs, welcher grob betrachtet dafür zuständig ist, unseren Körper in den Ruhe- und Verdauungsmodus zu bringen. Es kommt zur verstärkten Motorik der Verdauungsorgane und zur Freisetzung von Verdauungssäften, insbesondere von Magensäure, aber auch von Galle. 

Um sich bewegende Verdauungsorgane vorzustellen, muss man wissen, dass der gesamte Verdauungsapparat von einem Muskelschlauch umgeben ist. Durch aufeinanderfolgendes Anspannen und Entspannen dieser Muskeln kommt es zur Bewegung/Motorik der Organe. Der Vagusnerv stimuliert diese Muskeln, sowie die Muskeln der Sekretionsdrüsen der Verdauungssäfte.

Über den Vagusnerv kommt es auch zu einer beruhigenden Wirkung aufs Herz, der Puls sinkt.

Die zweite Phase der Bitterstoffwirkung ist die gastrale Phase. Sie wird durch die Freisetzung von Gastrin im Magen eingeleitet. Das kleine Verdauungshormon hat es ganz schön in sich. Es verstärkt die Magensaftsekretion und Magenbewegung um ein weiteres und es sorgt auf seinem Weg Richtung Ausscheidung mit dem Stuhl für die Freisetzung weiterer Verdauungsenzyme und -hormone (Pepsinogen im Magen und Insulin, Glucagon und Somatostatin aus dem Pankreas).

Der beschriebene Wirkmechanismus erklärt den Einsatz von Bitterstoffen bei Appetitlosigkeit und Verdauungsproblemen.

Appetitlosigkeit ist vor allem bei älteren Menschen ein Problem. Nehmen Betroffene eine halbe Stunde vor dem Essen ein Bittermittel ein, wird ihr Verdauungstrakt schön feucht, wodurch die Lust auf Essen steigt.

Wenn öfter etwas schwer auf dem Magen liegt, empfiehlt sich die Einnahme eines Bittermittels nach dem Essen. Die Ausschüttung von Verdauungssäften wird dadurch verstärkt und der Nahrungsbrei kann mit der Säure aus dem Magen und den zahlreichen Enzymen aus Speichel, Magensaft und Darmsaft besser zerkleinert werden. Die gesteigerte Motorik der Verdauungsorgane ermöglicht es den Enzymen und der Säure besser an alle Partikel des Breis heranzukommen. Der reichlich vorhandene Gallensaft emulgiert Fette und fettlösliche Vitamine und ermöglicht deren Aufnahme in den Körper. Die Hormone, die durch die Bitterstoffe aus der Bauchspeicheldrüse freigesetzt werden, helfen aufgenommene Nahrungsbestandteile an ihren Platz im Körper zu bringen und der Stoffwechsel in unserem Körper wird aktiviert.

Bitterstoffe und der Säure-Basen-Haushalt

Im Darm stimulieren Bitterstoffe bestimmte Drüsen, die basische Moleküle ausscheiden. Diese werden für die Stabilisierung unseres Blut-pH-Wertes genutzt. Sind immer genug Basen vorhanden um überschüssige Säuren in unserem Blut auszugleichen, also zu neutralisieren, kommt es zu keiner Ablagerung derselben in Geweben und auch zu keiner Calciumförderung aus den Knochen und damit zu keinem Knochendichteverlust. Calcium kann Säuren auch neutralisieren. 

Bitterstoffe wirken also vorbeugend gegen die Übersäuerung unseres Körpers, was in weiterer Folge unter anderem vorbeugend gegen Neurodermitis und Akne (Ausscheidung der Säuren über die Haut), Osteoporose und Gelenkprobleme wie Arthrose und Gicht wirkt.

Bitterstoffe zum Abnehmen

Bitterstoffe werden häufig als Schlankmacher propagiert. Da stellt sich die Frage, wie appetitsteigernde Stoffe denn beim Abnehmen helfen sollen. Die Antwort ist ganz einfach. Bitterstoffe wirken nämlich nur bei Menschen mit krankhaft kleinem Hunger appetitsteigernd. Ist das Essverhalten im normalen Rahmen, dann mischen sie sich diesbezüglich nicht ein. Im Gegenteil, Bitterstoffe reduzieren sogar den Hunger auf Zucker. 

Weitere Faktoren, die eine Gewichtsreduktion durch Bitterstoffe möglich machen sind: 

Bitterstoffe ermöglichen zwar die bessere Verwertung des Nahrungsbreis, sie stimulieren aber auch den Stoffwechsel im Körper, was soviel heißt, dass wir mehr Wärme erzeugen und damit auch mehr Kalorien verbrennen. 

Durch den raschen, ergiebigen Fluss der Verdauungssäfte kommt es zu einem schnelleren Sättigungsgefühl. 

Bitterstoffkur und weitere Anwendungen von Bitterstoffen

Eine mehrwöchige Bitterstoffkur ist empfohlen zur allgemeinen Stärkung des Körpers (zum Beispiel nach einem Infekt, bei Mangelerscheinungen oder nach einer stressigen Zeit), bei Reizdarm, zur Darmsanierung, unterstützend bei Candidatherapie oder bei der Gewichtsabnahme und zum Entschlacken/Entgiften des Körpers. Wie so eine Kur genau gemacht wird, werden wir in einem der nächsten Artikel beschreiben 🙂 .

In den letzten Jahrzehnten wurden ständig neue Bitterstoffrezeptoren gefunden. Ging man anfänglich davon aus, dass es solche nur in den Geschmacksknospen gibt, weiß man mittlerweile, dass sie im ganzen Verdauungstrakt verteilt sind. Im Jahr 2015 entdeckte man sogar Bitterstoffrezeptoren in der Haut. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass topisch aufgetragene Bitterstoffe die Hautbarriere regenerieren und dadurch bei Neurodermitis helfen können.

Bittermittel richtig verwenden

Bitterstoffe Kaltauszug

Wie bereits erwähnt, haben Bitterstoffe trotz unterschiedlicher Molekülstruktur neben ihrem Geschmack noch weitere Gemeinsamkeiten. Fast alle sind wasser- und alkohollöslich und hitze- und chemolabil. Werden Extrakte lange gelagert oder Bitterpflanzen gekocht, muss man mit einem deutlich verringerten Wirkstoffgehalt rechnen.

Am besten ist es Bittermittel als Kaltauszug zuzubereiten. Dafür übergießt man das geeignete Pflanzenmaterial mit kaltem Wasser und lässt das Gemisch für 12 Stunden stehen. Die gut wasserlöslichen Bitterstoffe sollten nun in die Flüssigkeit übergegangen sein und können nach dem Abseihen über den Tag hinweg als Getränk getrunken werden. Leider plant nicht jeder so gut voraus, weshalb der Kaltauszug aufgrund seiner langen Zubereitungszeit nicht sehr beliebt ist.

Eine Alternative dazu ist das alkoholische Extrakt der bitteren Pflanze. Man kann es in der Apotheke kaufen, aber auch daheim herstellen. Am besten eignet sich dafür 50-70%-iger Alkohol. Je höher der Alkoholgehalt im Extrakt, desto länger bleibt das Extrakt haltbar. In einem früheren Artikel haben wir detailliert beschrieben, wie man ein alkoholisches Thymianextrakt schnell und wirkstoffreich herstellt. Dieselbe Methode kann auch für alkoholische Extrakte aus frischen Bitterdrogen verwendet werden. 

Für ein alkoholisches Extrakt aus getrockneter Bitterpflanze geht man so vor: In einem Braunglas werden ein Gewichtsteil Bitterpflanze mit 10 Gewichtsteilen Alkohol übergossen. Das Glas wird bei Zimmertemperatur für mehrere Tage stehen gelassen und je einmal morgens und einmal abends kräftig geschüttelt. Nach 7 Tagen kann das Pflanzenmaterial abgeseiht werden und euer Extrakt ist fertig.

Selbst hergestellten alkoholischen Extrakten aus frischen Bitterpflanzen würden wir eine Haltbarkeit von etwa drei Monaten, solchen aus getrockneten Bitterpflanzen von etwa sechs Monaten einräumen. 

Für diejenigen die keinen Alkohol vertragen und denen das mit dem Kaltauszug zu umständlich ist, gibt es in der Apotheke noch Frischpflanzenextrakte. Der Nachteil dieser Säfte ist, dass sie ziemlich teuer sind und nur kurz haltbar. Wer den Geschmack bitter nicht aushält, kann auf Bittermittel in Tablettenform zurückgreifen. Leider geht hier aber die Wirkung über die Bitterrezeptoren in den Geschmacksknospen verloren. 

Zuletzt gibt es noch die Bittertees. Da Bitterstoffe thermolabil sind, ist der Tee nicht unbedingt die beste Anwendungsform. Trotzdem ist es die beliebteste. Durch die Hitzeanwendung lösen sich natürlich auch mehr Stoffe, wodurch die Zerstörung von anderen eventuell ausgeglichen wird. 

Das war’s für heute schon wieder. Wer noch Fragen zum Thema Bitterstoffe hat, kann sich gern in den Kommentaren austoben 🙂 .

♥ Oktokussi ♥

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PPS >> Bild2 (Artischocke) von Peter Grubbert, aka Rotmarder, gefunden bei Pixabay.

4 Comments
  1. Sehr gut und umfangreicher Artikel! Dankeschön! Ich als Fan von selbstgemachten Heilpilztees muss aber drauf aufmerksam machen, das Kaltauszug nicht bei allen Bitterstoffen ratsam ist. Sicherlich kann man bei den Heilpilzen mit Alkoholauszug die Kur ergänzen… Aber durch 20 Minutiges Kochen werden in diesem Fall erst viele Bitterstoffe gelöst, ähnlich bei Weidenrinde…

    1. Aha, na das ist interessant. Vor allem in Kombination mit dem Wissen, dass Bitterstoffe ja eigentlich thermolabil sind. Vielen Dank für die Info, werde nochmals nachrecherchieren und versuchen raus zu bekommen, woran das hier liegt. Eventuell sind die Bitterstoffe in den Pilzen so stark gebunden, dass sie erst durch längeres Kochen freigesetzt werden. Nur eine Idee.. 🙂
      Alles Liebe

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